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"Fundstücke"

 

 

 

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Die Ewigkeit im Augenblick

Über die Fotografien von Monika Stegmann

"Manche Dinge sind fast zu zart, um beschrieben zu werden" (Novalis)

Das 17. Jahrhundert erfand das Landschaftsbild: Zu einer Zeit, in der das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt seine Unschuld verliert, entsteht ein neues künstlerisches Genre, das mit dem problematisch gewordenen Verhältnis umzugehen versucht, idealisierend, kritisch, reflektierend.

Gut 300 Jahre später befinden wir uns möglicherweise erneut an einem Wendepunkt. Zu Zeiten virtueller Realitäten, computertechnisch herstellbarer Foto-Dokumentation, gentechnisch veränderbarer Natur und Erbanlagen quält uns weniger die Frage danach, was real und natürlich ist, als danach, welchen Preis wir für das Ersetzen von Natur durch technisch erzeugte Natursurrogate bezahlen. In der Kunstentwicklung des 20. Jahrhunderts hat deshalb nicht zufällig die Auseinandersetzung mit Natur und Körper sowie der sensible Umgang mit vorhandenen Gegebenheiten einen entscheidenden Anteil gehabt, in Land Art, Body und Performance Art sowie der Installationskunst.

Monika Stegmann knüpft an all dies an und findet dabei doch ihren eigenen Fokus und eigene künstlerische Mittel. Sie fotografiert Natur, meistens Strandlandschaften mit angeschwemmten, verlorenen Gegenständen. Dabei arrangiert sie nicht das geringste Detail; Sand und Strand umschließen die Gegenstände aus der modernen Wegwerfgesellschaft sanft, verleiben sie sich ein, verwandeln sie sich an. Die Fotografin beobachtet ihre Fundstücke in diesem Prozess mit neugierig-emphatischem Blick, der den Gegenstand in das jeweils beste Licht rückt, so, daß seine geheimen Wesenszüge wie in einem gelungenen Porträt sichtbar werden.

Folgerichtig orientiert sie sich dabei an klassischen Bildkompositionen.

Eine entscheidende Rolle beim Betrachten der Fotos spielen die kulturell vermittelten Assoziationen, die sie freisetzen. Nehmen wir das Bild der roten Fäden im Sand. Der Betrachter weiß, daß es sich um Taue handelt, die Wind und Wetter weitgehend aufgelöst haben. Und doch denkt man an rote Haare, an Hexen- und Feenhaar, die zugehörige Frau scheint verweht - ein gespenstischer Gruß aus vergangenen Zeiten und Schicksalen. Betrachtet man das Foto genauer, erkennt man, wie sorgfältig das Fundstück in ein Bild übertragen wurde: die konvexe Sandwelle am unteren Bildrand findet ihre 

Entsprechung am Ansatz der "Haare" und ihre Entgegensetzung in der konkaven Sandform am oberen Bildrand; die Fadenstruktur in der Bildmitte wird - strenger - aufgenommen durch die Vertikalbewegung der Äste weiter oben. So ist das Fadengeflecht zwar der in den Blickpunkt gerückte Hauptakteur, doch ist es eingebunden in einen größeren Zusammenhang, der darauf antwortend Bezug zu nehmen scheint.

Die Verwehung-Verwesung hat nichts Schreckliches an sich, sie erschafft ihre eigene Harmonie, aktiviert Erinnerungen und Zusammenhänge. Die Fotografin steht fasziniert davor und lichtet das Geschaute ab. Ihre Kunst besteht in ihrem spezifischen Blick, der banale Realien in Bilder poetischer Kraft transponiert. Sie hebt einzelne Augenblicke aus dem Prozess beständiger Metamorphose heraus und verewigt sie. Die Fotos verleugnen nicht den Zahn der Zeit, aber in einzelnen Bildern fließen Augenblick und Ewigkeit in eins. Diese Augenblicke sind sehr still und sehr schön. Ganz flüchtige, zufällig gestaltete Gegenwart, weisen sie doch weit über sich hinaus.

Immer wieder oszillieren die Fotos zwischen erkennbarer Gegenständlichkeit und abstrahierenden Perspektiven. So erkennt oder erahnt man auf dem Foto mit Ausflussöffnung - es handelt sich um eine Schiffswand - zwar einige Details, der real-gegenständliche Zusammenhang aber ist nicht rekonstruierbar. Vielmehr wird der gewählte Ausschnitt in andere Kontexte gestellt: Überraschend ist zunächst die malerische Wirkung des Fotos ebenso wie ihre formale Konsequenz. Das untere Drittel des Bildes ist in warmes Rot getaucht, die oberen zwei Drittel in kühles Blau. Der Horizontalstruktur, die sich aus dem Rot-Streifen und zwei horizontalen Fugen als Linien ergibt, wirken die Spuren, die das aus dem Abfluss rinnende Wasser hinterlassen hat, spannungsreich entgegen. Frappierend aber ist die plastische Qualität der in verschiedenen Schichten abblätternden rot-orangen Farbmaterie, die sich mit rostig unterlegten Abplatzungen mischt. Auch hier wird der durch rationale Strukturen gebändigte Schrecken von Verfall und Zersetzung umgedeutet in staunenswerte, neu zu sehende Bilder. Deshalb verschleiert Monika Stegmann die ursprünglichen Kontexte: Weil diese zu bekannten Einsichten, nicht aber zu überraschenden Seh-Erfahrungen führen.

Ein weiteres Foto zeigt einen schon fast im Sand verschwundenen Stein.  Eine Flüssigkeit, von der man annehmen könnte, es sei Öl, obwohl es sich tatsächlich um eine natürlich dem Boden entstammende Ausscheidung handelt, hat sich daran angelagert. Einige Grashalme liegen obenauf; einer ist in einem annähernd rechten Winkel abgeknickt. Zwei andere Halme beschreiben einen sanften, quer schwingenden Bogen, der im unteren Bildteil in der Sandstruktur wiederkehrt. Damit vermischen sich konstruktive und vegetative Formen: Das Rund des Deckels, die Winkel und die in etwa parallel zueinander liegenden Halme erscheinen beinahe konstruiert, die Erhebung des Steines ähnelt andererseits einem zusammengekauerten Käfer. Zusammen mit dem abgeknickten Halm ist sie als Pfeil zu sehen. Auch hier wieder ist der Bildausschnitt so gewählt, daß das Objekt vor der Linse spannungsvoll aus dem Mittelpunkt gerückt und in die Sandstrukturen eingebunden ist. Rechts oben gibt eine dunklere Linie aus Holz- oder Grassplittern dem Auge Halt. Der Gegenstand und seine Dechiffrierbarkeit spielt eine untergeordnete Rolle, das Bild ist auch und viel wesentlicher eine abstrakte Komposition.

Neben abstrahierenden Tendenzen gibt es in Monika Stegmanns Werk auch figurative-metamorphorische Elemente: Fotografisch festgehaltene Gegenstände verwandeln sich in andere Figuren. Das ist auf dem Foto zu beobachten, das einen Holzbalken mit Absplitterungen zeigt. Das untere Bilddrittel, das von dem nur schwer dechiffrierbaren Balken gebildet wird, begreift der Betrachter als "Erde", den oberen Bildteil als Horizont. In den Splittern, die sich genau im Mittelpunkt des Bildes kreuzen, so daß hier die größte Energie zusammenfließt, erkennt das an klassisch-moderner Kunst geschulte Auge eine schreitende Figur. Das vordere Bein scheint auf einem Fuß zu stehen. Die Splitterteile, die nach links oben abstehen, sind gegenüber der Rechtsrichtung verstärkt, so wie es für einen im Gang leicht nach vorn geneigten Oberkörper natürlich ist. Gerade dieses Bild verdeutlicht, inwieweit Monika Stegmann Kunstgeschichte und die Geschichte ästhetischer Anschauung in ihren Fotos verarbeitet. Ihre Holzfigur basiert auf Figuren etwa eines Julio Gonzales, schöpft aber auch aus uralten, vom Surrealismus aufgegriffenen Vorstellungen formaler Wandlungen.

Kultur und Natur verwachsen auf Monika Stegmanns Fotos ineinander - formulieren sie (gegen die fortgesetzte Zerstörung der Natur durch menschliche Kultur) eine Utopie?

Kein Weg, kein Bild führt zurück zur Einheit von Mensch und Natur, Kultur und Natur. Die Differenz macht die Begegnung erst überraschend und ermöglicht neue Entdeckungen.

Monika Stegmanns Fotografien sind ein stilles Fest für die Augen – eines, in dem Maß und Ordnung wirken. In diesem Kontext erhält das banale, unscheinbare Detail eine ästhetische Überzeugungskraft, die nur poetischen Bildern zu eigen ist.

Dr. Isabel Greschat (Galerie der Stadt Stuttgart)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild der roten Fäden im Sand
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Foto mit Ausflussöffnung
Der fast im Sand verschwundene Stein
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Holzbalken mit Absplitterungen

 

 

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